Forschungsziele

Die deutlich erkennbare Fokussierung der volkskundlichen Forscher*innen auf Bereiche wie Handarbeit und Handwerk, Bräuche, traditionell ländliche Bauweisen, Architekturen und Interieurs, Trachten und Familie liefert – so die Ausgangsthese dieses Forschungsprojekts – Motive zur Differenzierung zwischen Stadt und Land. Die aktuell auffallende Präsenz dieser Bilder in der Tourismus-, Produkt-, und Wahlwerbung erweist sich in Bezug auf historische wie aktuelle Konstruktionen der oben genannten „Zufluchtsorte[n] des Authentischen“, die eine Kritik an der Inauthentizität des Städtischen implizieren, als höchst untersuchenswert. Dementsprechend strebt das Forschungsprojekt einen notwendig empirisch fundierten Beitrag zur theoretischen Auseinandersetzung mit der Kritik an der Inauthentizität aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen an. Aufbauend auf der theoretischen Auseinandersetzung von Boltansky und Chiapello1 in Der Neue Geist des Kapitalismus, sollen der „älteren“ Kritik an der Inauthentizität – vertreten etwa durch die massive Kritik der Frankfurter Schule an Standardisierung und Vermassung der Gesellschaft – neue kritische Diskussionsstränge der Landvereinnahmung hinzugefügt werden, die reaktionäre und identitäre Aspekte von Authentizitätsvorstellungen herausfordern.

Schulen zählen heute zu jenen sozialen Orten, an denen eine intensive Auseinandersetzung mit Geschichte und Heimat stattfindet. Dort werden aber auch Zukunftsvisionen entwickelt. Über spezifische Unterrichtsthemen entstehen oft erste Auseinandersetzungen mit Umweltfragen (soziale wie ökologische): Wo werde ich einmal leben und arbeiten? Wie wird unsere Umwelt – und damit auch meine Heimat – in Zukunft aussehen? War früher alles besser? Häufig sind Kinder und Jugendliche in dieser Identitätsfindung mit den Erinnerungen, Geschichtsauffassungen und Zukunftsängsten ihrer Eltern, Großeltern und anderer Bezugspersonen außerhalb der Schule konfrontiert. Zu Geschichts- und Umweltvermittlungen im Klassenzimmer kommen Prägungen von zu Hause. Aus diesem Grund strebt das Forschungsprojekt „Stadt-Land-Kind“ an, historisch und kulturell konstruierte Sehnsuchtsbilder in einem intergenerativen Forschungsprozess zu verhandeln, um eine aktiv-reflexive Auseinandersetzung mit Stadt-Land-Konstruktionen im Sinne einer Erweiterung der Visual Literacies bei den Schüler*innen anzuregen, wie sie die multi-medialen allseits verfügbaren Bildwelten notwendig machen.

Neben dem bildungspolitischen Impetus, den das Projekt über die kritische Reflexion und Diskussion erwerben will, zielt es in einem weiteren Schritt über das gemeinsame Generieren neuer multi-perspektivischer Bilder und entsprechender Narrative auf eine Aktualisierung von Landbildern im visuellen Gedächtnis Österreichs ab. Zusätzlich zur Differenzierung und Heterogenisierung gängiger Stadt-Land-Konstruktionen strebt das Projekt eine Demokratisierung von Bildungsprozessen an, indem es die Wissensproduktion nicht nur in die Schule hineinträgt, sondern aus ihr heraus wieder neues Wissen für die wissenschaftliche Forschung und museale Vermittlung von Geschichtsbildern generiert und diskutiert. Im Kontext der zeitgenössischen und kritischen Museologie zielt das Projekt auf die Stärkung der gesellschaftlichen Rolle von Museen als Orte des öffentlichen Diskurses. Im Kontrast zum Museum als Institution der Hochkultur und einer hegemonialen Geschichtsschreibung mit dominanten Narrativen wird eine alternative Verknüpfung von Geschichte, Gegenwart und Zukunft durch die Beteiligung von Schüler*innen und Familienangehörigen bei der Entwicklung und Präsentation von Inhalten angestrebt.

Daran schließen auch Ziele an, neue Methoden zur Gewinnung und Vermittlung von Kultur- und Geschichtsbildern zu entwickeln und zu erproben, die für alle projektbeteiligten Disziplinen und Forschungseinrichtungen fruchtbar gemacht werden können. Durch die Zusammenführung von Alltagsforschung aus volkskundlicher und designwissenschaftlicher Perspektive und der Museologie, über Methoden der Visual und Sensory Ethnography entstehen transdisziplinär verwertbare Erkenntnisse zur Bedeutungsproduktion von materiell-visuellen Kulturen sowie ein vom Bildwissen der einzelnen Gebiete gespeister Kompetenzerwerbung im Umgang mit Bildern. Hier geht es neben der transdisziplinären Theoriebildung darum, Methoden und Analysesettings zur Erforschung der eigenen Kulturen zu entwickeln, da diese oft zu vertraut sind, um sie erforschen zu können.

Literatur:
1) Boltanski, Luc und Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK, (2003), 2006, hier S. 474ff.