Ausstellungsrundgang

Die Ausstellung findet in zwei aneinandergrenzenden Räumen statt und ist in acht Bereiche gegliedert. Im Eingangsbereich reagiert die Ausstellung RETROPIA auf die aktuelle Hochkonjunktur idyllischer Ländlichkeit in der Bewerbung von Tourismusregionen, Konsumprodukten und politischen Parteien. Hier wird deutlich, dass heute vielfach mit Hilfe von romantisierten Bildern eine heile Welt aus der guten alten Zeit beschworen wird – in der Phänomene wie der globale technische Fortschritt oder Probleme wie Landflucht ausgeblendet werden. Zu dieser bekannten Praxis kommen zunehmend Darstellungen, die das Ländliche bewusst in Verbindung mit konservativ aufgeladenen Werten wie der Kernfamilie von Mutter-Vater-Kind, traditioneller Erwerbsarbeit und Heimat als Nationalkonstrukt setzen und diese Bilder aktiv gegen das „Fremde“ und „Andere“ in Stellung bringen. Demgegenüber stehen Versuche, die heimatliche Landschaft im Sinne einer offenen Gesellschaftspolitik zu besetzen. Die hier vorgestellten Ausschnitte der Werbelandschaft Österreichs geben einen Einblick in die aktuell so vielseitigen Vereinnahmungen des Ländlichen.

Gleich im Anschluss sind Originalfotografien aus der Sammlung des Volkskundemuseum Wien zu sehen. Unter dem Titel Landleben in der volkskundlichen Fotografie zeigt die Ausstellung historische Aufnahmen aus den drei projektbeteiligten Regionen Waldviertel, Osttirol, Bregenzerwald sowie zu weiteren exemplarischen Sehnsuchtsregionen des ländlichen Österreichs: Salzkammergut, Ausseerland, Wachau und Burgenland. Die Fotografien demonstrieren, dass nicht nur die Werbung, sondern auch die Wissenschaft das Ihre dazu beitrug, Vorstellungen vom Leben und Arbeiten auf dem Land zu verklären. Die Volkskunde etwa begegnete in der Vergangenheit dem Phänomen Land tendenziell konservierend, indem sie versuchte „typische“ Formen des Landlebens zu erhalten oder zumindest zu dokumentieren.

Ein eindrücklicher Beleg dafür ist die fotografische Sammlung des Volkskundemuseum Wien, in deren umfassenden Bestand sich 215.000 Abzüge, Negative, Dias und Postkarten aus zwei Jahrhunderten befinden – beginnend mit Abbildungen aus der Zeit der Gründung des Museums im Jahr 1895. Die fotografische Sammlung des Volkskundemuseum stellt somit eine einzigartige historische Quelle der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Bildern vom Land dar. Sie bildet deswegen den Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt Stadt-Land-Kind, dessen Erweiterungsprojekt Stadt-Land-Bild und die aus diesen Projekten entstandene Ausstellung RETROPIA.

Eine zentrale Position im Raum nimmt die Präsentation der Kernmethode der ausgestellten Forschungsarbeit ein. Die hier gezeigte Methode der Intergenerativen Bildgespräche wurde eigens für das Stadt-Land-Kind-Projekt entwickelt, um Bürger*innen von 9 bis 99 Jahren aktiv in den Forschungsprozess einzubinden. Von Februar bis Juli 2018 forschten in 10 Intergenerativen Bildgesprächen insgesamt 73 Bürger*innen (Citizen Scientists) in den projektbeteiligten Regionen Waldviertel, Osttirol und Bregenzerwald mit. Pro Gespräch nahmen 9 – 12 Citizen Scientists aus 3 Generationen im Alter von 9 bis 93 Jahren teil. Konkret handelt es sich dabei um Gesprächsrunden mit etwa drei Schüler*innen, drei Erwachsenen der Elterngeneration und drei Senioren*innen sowie zwei Forscher*innen.

Fotografien vom ländlichen Österreich – u. a. aus der Sammlung des Volkskundemuseum Wien und den jeweiligen Gemeindearchiven – dienen als gesprächsgenerierende Impulse. Um einen quadratischen Tisch sitzend, teilt die Gruppe Erinnerungen, Wissen und Zukunftsperspektiven beim Sprechen über die Bilder. Die Bildgespräche wurden in perspektivischer Aufsicht gefilmt und werden über eine Videoprojektion mit Ton in der Ausstellung auf eine Tischfläche projiziert. Die Besucher*innen sind eingeladen, sich an den Tisch zu setzen, das aufgezeichnete Gespräch nachzuerleben und mit anderen Ausstellungsbesucher*innen darüber in einen Dialog zu treten. Der Videoinstallation zur Seite gestellt, sind thematische Analysen – von Essen bis Glauben –, die über Fotografien und Objekte aus der Sammlung exemplarisch die zentralen Themen der Tischgespräche visualisieren und materialisieren.

Als ein zentrales Ergebnis der generationenübergreifenden Forschung gilt die Vielstimmigkeit, denn Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen erzählen anders. Die Ausstellung verdeutlicht dies anhand ausgewählter Zitate aus den Bildgesprächen zu ausgewählten Bildern. Hierbei wird deutlich, dass die Sehnsucht nach dem Land eine variantenreiche Perspektive für Gegenwart und Zukunft sein kann. Ebenso kann sie aber auch eine Projektionsfläche für eine idealisierte Vergangenheit mit reaktionären Trends bilden. Die Zusammenführung dieser unterschiedlichen Sichtweisen eröffnet neue Perspektiven in Bezug auf Heimatbilder, ohne diese zu werten.

Mitforschen und Mitgestalten

Über eine raumgreifende multimediale Installation aus weitläufigen Touch-Walls können die Fotografien des Projekts erfahren und erforscht werden. Geforscht wird mit dem Social Image Tagging-Spiel ARTigo. Hier können die Besucher*innen anhand von Impuls-Bildern ihre Erfahrungen, Assoziationen und Sehnsüchte beschreiben. Die von ihnen selbst und anderen gemachten Beschreibungen können anschließend auf den großen Touch-Walls durchforstet und analysiert werden, indem die Beiträge der Besucher*innen – den jeweiligen individuellen Interessen und Vorlieben entsprechend – laufend zur Neuordnung der Bildinhalte genutzt werden. Dabei werden nicht nur die Bildwände ohne Zutun von Museumskurator*innen immer wieder neu gestaltet, sondern gemeinsame Sichtweisen ebenso wie Unterschiede in der Betrachtung und Bestimmung von Landbildern spielerisch sichtbar gemacht.

Der zweite Raum der Ausstellung präsentiert Neue Bilder vom Land und widmet sich schwerpunktmäßig der Perspektive von Kindern und Jugendlichen: Wie blicken Kinder und Jugendliche auf ihr ländliche Umgebung? Welchen Standort wählen sie, um ein bestimmtes Motiv zu fotografieren? Im Spannungsraum dieser Fragen zeigt die Ausstellung eigene Fotografien der Schüler*innen der projektbeteiligten Schulen in Kals, Rastenfeld und Bezau.

Die Schüler*innen widmeten sich im Zuge des Forschungsprojektes sowohl fotografischen Techniken als auch der vertrauten Umgebung im Detail und trafen für ihre Aufnahmen bezüglich Motiv und Bildausschnitt bewusste Entscheidungen. Unter der Leitung der Fotografin Iris Ranzinger entstanden auf diesem Weg gänzlich neue Bilder vom Land. Sie konterkarieren gängige Bildpolitiken zur Produktion idyllischer Ländlichkeit, indem sie auch Elemente wie etwa Strommasten, Autos, Straßen und Liftanlagen nicht ausschließen. Über ein Panoramafernrohr können die beeindruckenden Landschaftsfotografien in der Ausstellung näher betrachtet werden.

Diese Fotografien bilden auch Motive für Postkarten, auf welchen die projektbeteiligten Schüler*innen ihre Wahrnehmungen, Meinungen und Erfahrungen zu den Bildern schriftlich ausgedrückt haben. Dieses Format stellt eine neu belebte Form der Dokumentation dar, wie sie früher häufig von Ethnograph*innen genutzt wurde, wenn etwa Nachrichten aus fernen Ländern an die Daheimgebliebenen versandt wurden. Die Postkarten der Schüler*innen stellen aussagekräftige Zeitdokumente dar, die dank der Text-Bild-Kombination kindliche und jugendliche Sichtweisen auf ihre Lebensräume nachvollziehbar dokumentieren. Als zentrale Artefakte dieser Auseinandersetzung gehen die Postkarten als eine Form der Selbstdokumentation in die Sammlung des Volkskundemuseum Wien ein.

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