Methoden

Intergenerative Bildgespräche

In Anlehnung an die Methode der Fokusgruppe1, die Robert Merton in den 1950er Jahren aus dem fokussierten Interview entwickelte, wird im Projekt „Stadt-Land-Kind“ dieses Mehrpersonen-Gespräch mit Fotobefragung2 zu sogenannten intergenerativen Bildgesprächen kombiniert. Als gesprächsgenerierende und gesprächsleitende Inputs fungieren Fotografien aus dem Bestand des Österreichischen Museums für Volkskunde mit dem Fokus auf Landdarstellungen aus den beteiligten Schulregionen (Waldviertel, Osttirol und Bregenzer Wald). Im Gegensatz zu herkömmlichen Fokusgruppen, die vor allem ihren Einsatz in der Markt- und auch Wahlforschung finden, sind die Teilnehmer*innen hier nicht in der Rolle der Testpersonen, sondern selbst aktiv in den Forschungs- und Erkenntnisprozess eingebunden. Dem intergenerativen Forschungsdesign entsprechend, sind die Gruppen heterogen und über verschiedene Generation vom Kind bis zu den Großeltern angelegt. In Form von biografischen mündlichen Ergänzungen strebt die Methode eine alltagskulturelle „Geschichte von unten“ an. Zudem wird methodisch besonders auf die sinnlich-ästhetische Dimension des Gesprächs Wert gelegt, um die Fotografien, die nicht nur visuelle, sondern auch materielle Objekte sind und solche zeigen, auch als sinnlich ästhetische Impulse zu betrachten. Eine solche „sensory image elicitation“3 geschieht beispielweise mit Fragen zu erlebten beziehungsweise imaginierten körperlich-sinnlichen Erfahrungen der dargestellten materiellen Objekte und Handlungen, die auf eine solche multi-sensorische Aktualisierung abzielen.

Foto-Expeditionen

Als an die intergenerativen Bildgespräche anschließende Methode steht die fotografische Auseinandersetzung in Form der eigenen Bildproduktion. In diesem Schritt entstehen in Fotoworkshops und Expeditionen neue Fotografien vom aktuellen Leben auf dem Land aus der Sicht von dort lebenden Kindern. Bezugnehmend auf die „sensory image elicitation“4, die bereits im Gespräch erfolgt, ist die eigene Bildproduktion somit eine weitere zentrale Methode, um Bilder sinnlich zu aktualisieren. Ein zentrales Element bei der Feldforschung ist die Praxis des Gehens, bei dem die Schüler*innen mit der Fotografin und den Lehrer*innen selbst ausgewählte Orte fotografisch erkunden. „Walking around is fundamental to the everyday practice of social life“ and „to much anthropological fieldwork“, schreiben Jo Lee und Tim Ingold5 und heben die Verwendung der Methode Gehen sowohl im Alltag als auch in der Feldforschung hervor. Gehen ist eine Form, sich einem Ort anzunähern, ihn zu erkunden und ihn sich anzueignen. Zentral beim Gehen ist der körperliche Bezug, den man über seine Sinne zur Umgebung aufbaut beziehungsweise könnte man sogar sagen, dass Orte erst durch die körperliche Bewegung les- und wahrnehmbar werden. Lee und Ingold6 verweisen zudem auf den Aspekt, dass es sich beim Gehen um eine besonders gesellige Form der Fortbewegung handelt, deren Potenzial im „shared understanding through movement, through walking together“ liegt. Das Soziale des Gehens liegt im für alle identischen Sichtfeld. Über die Zuwendung zu einem bestimmten Objekt (gefunden über die Auswahl des Fotomotivs) wird das gemeinsam Gesehene und Erfahrene intensiviert.

Die Postkarte als Forschungsbericht

Wenn Bronislaw Malinowski als Begründer der modernen Ethnographie über das Sammeln von First-Hand Daten oder Clifford Geertz mit seiner dichten Beschreibung auf eindrückliche Weise von entfernten Lebenswelten in ihren Niederschriften berichten, ist dies als eine Einladung an die „Daheimgebliebenen“ zu verstehen, gedanklich mitzureisen. Spielt Exotismus bei einer Ethnographie der eigenen Kultur eine geringere Rolle, entsteht auch hier über die Zusammenfassung und Verdichtung der Eindrücke in der individuellen Niederschrift ein aussagekräftiges Zeitdokument. Das Medium des Forschungsberichts ist jedoch nicht nur für die historische Dokumentation und Dissemination der Forschungsergebnisse von Relevanz, sondern präsentiert sich gleichsam als individuelle Methode der Erkenntnisgewinnung. Im Forschungsprojekt wird Schreiben als Grundkompetenz im Rahmen der primären Bildung und gleichzeitig als emanzipatorische Praxis betrachtet. Mit Methoden aus dem „Creative Writing“ und über ein respektvolles Miteinander kann ein intergenerativer Austausch stattfinden. Zudem steht die Praxis des Forschungsberichts über die Postkarte in einem bild-textlichen Verhältnis, das weitere kombinatorische Bedeutungen in sich trägt und einer kritischen Analyse bedarf.

Im Laufe des Forschungsprozesses gestalten die Kinder und Jugendlichen eigene Postkarten und schicken diese mit einer persönlichen Beschreibung des Bildinhalts an ihre Forschungspartnerinnen und -partner in Wien. Letztere antworten mit Fotos aus ihrer Lebens- und Arbeitsumgebung. Damit beginnt auf spielerische Weise eine eigene Bild- und Textproduktion, die von einer Reflexion der Bildauswahl und Interpretation begleitet wird. Als zentrale Artefakte des Erkenntnisprozesses gehen die Postkarten in die Sammlung des Volkskundemuseum Wien ein.

Literatur:
1) Morgan, David L. und Richard A. Krueger, The Focus Group Kit, Bd. 1-6, Thousand Oaks: Sage, 1997.
Schulz, Marlen; Mack, Birgit und Ortwin Renn, Fokusgruppen in der empirischen Sozialwissenschaft, Springer VS, 2012.

2) z. B. Kolb, Bettina, Die Fotobefragung in der Praxis, http://www.univie.ac.at/visuellesoziologie/Publikation2008/VisSozKolb.pdf, [18.09.2016].

3) Pink, Sarah, Doing Sensory Ethnography, London: Sage Publications, 2015, hier S. 88ff.

4) ebd., hier S. 89ff.

5) Lee, Jo und Tim Ingold, Fieldwork on Foot: Perceiving, Routing, Socializing, in: Coleman, Simon und Collins, Peter (Hg.), Locating the field: space, place and context in anthropology, Oxford/New York: Berg, 2006, S. 67-85, hier S. 67.

6) ebd., hier S. 79.